Freie Farbe – Freiheit und Ordnung

Freie Farbe – Freiheit und Ordnung

Jürgen Opitz – Farbenplaner und Architekt, Lohmar

Rendering Prismen - Sinnbild der heute erreichten Lösgelöstheit von Farbe, Medium und Stofflichkeit.

Wir alle haben bei kindlichen Experimenten mit Wasserfarbe erlebt, wie der allzu freie Umgang mit allem was der Farbkasten hergibt, im unbedarften, ungezügelten, unbeherrscht wilden Durcheinandermalen im Ergebnis zu einem unansehnlichen, durchweichten, schmutzig braunen, nicht erfreulichen und zuletzt weg geworfenen Blatt Papier führte. Dieses Experiment führte aber auch zu der Erkenntnis, dass weniger mehr sein kann, und dass es in irgendeiner Form Regeln und Strategien geben muss, die zu befriedigenderen Gestaltungen mit Farbe führen.

Wer Großes will, muss sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

J.W.v. Goethe, das Sonett

Gestalt beinhaltet immer eine gewisse Ordnung. Die Natur baut nach Plan, – ob man diesen nun einem Schöpfer, der Genetik, der Evolution oder den sogenannten morphogenetischen Feldern zuschreibt -, alles steht in beziehungsreichem, geordnetem und dialektischem Dialog. Ebenso sind auch menschliche Schöpfungen immer das Ergebnis ordnenden Geistes. Auf ideale Weise zeigt dies die Ordnung der Musik. Klar definierte, gestimmte Töne erhalten im Zusammenklang neue Gestalt und bleiben doch immer sie selbst. Erlernbare Harmonieregeln bieten trotz Einschränkung unermessliche Freiheit der Form- und Gestaltbildung.

Ein erneuter malerischer, farbgestalterischer Versuch wird also folgerichtig eine mit Bedacht und Harmoniegefühl erstellte Auswahl einiger weniger Farben und deren kluge Anordnung sein, die sowohl formal, als auch farblich eine als „stimmig empfundene“ Aussage hat.

In diesem Satz verbergen sich allerdings Jahrtausende an Evolutionsgeschichte, die sich bewusst zu machen lohnt, um zu erkennen, dass wir im Bezug auf die Möglichkeiten im Umgang mit Farben heute an einem lang ersehnten Punkt von enormer Freiheit stehen.

Beschränkung und Befreiung

Denn lange war die Einschränkung des Materials, des Pigments, des Färbemittels gleichzeitig die Bremse für die anschauende Erkenntnis und systematische Ordnung.

Ruß und Erden der Höhlenmaler boten eine kleine, aber feine Palette. In der Antike kamen die Metalloxide hinzu. Zahllose Kriege wurden um die Lagerstätten von Kupfer geführt, nicht zuletzt auch wegen der Eignung der Kupferoxide als Färbemittel. Der Wunsch der Auftraggeber mittelalterlicher Malerwerkstätten nach gesteigerter Farbigkeit war vor allem ökonomisch begrenzt. Lapislazuli z.B. wurde in Gold aufgewogen. Purpur war sogar noch teurer.

Ein echter Evolutionschritt waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Anilinfarben. Erstmals waren alle erdenklichen Farberscheinungen aus nahezu gleichem Grundstoff (Steinkohlenteer) herzustellen und somit gleichwertig und für jeden erschwinglich. Aber auch gleichgültig. Die neue Freiheit war Überforderung für viele (bunte Städte des 19. Jhd.).

Die Malerei erlebte einen Evolutionsschub durch die Erfindung der Tubenfarben, die das Tempo der Anwendung und damit auch der Erkenntnis enorm steigerten. Heute sind moderne Druckfarben, Mischstationen und die Darstellung auf Computerbildschirmen die Zeichen der von Beschränkungen im Stoff völlig befreiten vollständigen Verfügbarkeit von Farben.

Gesetz

Jede Weiterentwicklung in Bezug auf die Verfügbarkeit von Färbemitteln führte zu neuen Beobachtungen und Erkenntnissen. So gibt es heute eine Vielzahl von Farbtheorien und Ordnungssystemen, die sich bemühen, die gewonnenen Erkenntnisse zusammenzutragen und Farbanwendern größtmögliche Unterstützung beim gestalterischen Umgang mit Farbe zu geben. Insbesondere ist die Identifikation und eindeutige Kommunikation von Farberscheinungen von Bedeutung für die Weiterentwicklung der (arbeitsteiligen) Farbkultur.

Die heute existierenden Systeme ergänzen sich leider nur zum Teil oder widersprechen einander offen. Meinungsverschiedenheiten wird es immer geben, aber hier hat es oft den Anschein, dass Systemunterschiede durchaus als Geschäftsmodell von darauf spezialisierten Firmen gepflegt werden. Manches verfügbare Hilfsmittel erweist sich als bewusst beschränkte Verkaufshilfe für Produkte mit Kundenbindungsstrategie. Und es wird in diesem Sinne sogar der freie Austausch von Informationen mittels patentrechtlicher Beschränkungen verhindert.

Freie Farbe

Die Initiative Freie Farbe möchte die bereits erreichte Freiheit der Information, Kommunikation und Realisierung der Farbe zum Nutzen der Weiterentwicklung der Farbkultur zur vollen Entfaltung bringen.

Der heute allgegenwärtigen Verfügbarkeit der Computer mit ihrer schnellen und präzisen Darstellbarkeit, Analyse- und Kommunikationsmöglichkeit der Farbe kommt dabei besondere Bedeutung zu. Hoch entwickelte, intelligente Entwurfsfreiheiten bieten noch viel zu erkundendes Neuland für Gestaltungen.

Eine noch zu lösende Aufgabe ist es, die Realisierung im Stoff von selbst auferlegten, oft firmenpolitischen Beschränkungen der Industrie zu befreien. „What you see is what you get“, der frühere Werbespruch der Fa. Microsoft, wartet noch auf Einlösung in der Wirklichkeit.

Es sind keine neuen Erfindungen notwendig diese Ziele zu erreichen. Für jedes technische Problem ist heute bereits eine Lösung möglich. Alles ist schon da, es will nur genutzt und vorher auch gefordert werden.

Jürgen Opitz 2015
http://www.architekt-opitz.de