Crossmediales Dilemma

Crossmediales Dilemma

Medienneutral in Theorie und Praxis

Die Entwicklung eines Logos oder eines ganzen Erscheinungsbildes für verschiedene Medien will wohl überlegt sein. Bei der Auswahl von Farben ist darauf zu achten, dass diese möglichst in allen Medien auch darstellbar sind. Also primär am Monitor und im Offsetdruck, fallweise auch als Klebefolie, Anstrichfarbe, Leuchtreklame u. v. m. Weiter ist auch zu beachten, dass nicht jede darstellbare Farbe auch für jede Anwendung optimal ist. Beim Druck etwa wird eine farbmetrisch genaue Umsetzung eines gegebenen Farbtons (zum Beispiel in sRGB, Lab oder aus dem HLC-Fächer) im Regelfall dazu führen, dass die Skalenfarben C, M, Y, K in der Mischung nicht als Volltöne, sondern aufgerastert enthalten sind. Dadurch können Rastereffekte auftreten, die in gewissen Fällen Probleme bereiten. Ein Klassiker sind feine Schriften oder Linien, die als Rasterton gedruckt mit Treppenstufen erscheinen oder sogar wegbrechen können. Das sieht dann sehr unprofessionell aus. Bei der Gestaltung sollte man sich deshalb rechtzeitig Gedanken machen, wie das Design dann auch praktisch umgesetzt werden kann.

Technische Tücken

Um beim Beispiel feiner Schriften zu bleiben: Wenn im Voraus klar ist, dass eine Wortmarke oder Hausschrift häufig als Buntfarbe oder Grauton im Vierfarbdruck reproduziert wird, sollte dafür besser keine kontrastreiche Schrift mit feinsten Strichstärken und Serifen à la Bodoni oder Didot gewählt werden. Falls es doch eine solche Schriftart sein muss, dann eben nur als Vollton-Schwarz.

Wenn sich ein kleiner Schriftgrad und eine helle Farbe nicht vermeiden lassen, dann ergibt meist nur eine entsprechende Sonderfarbe ein zufriedenstellendes Druckbild. Man denke etwa an AGB, die auf die Rückseite eines Briefbogens oder Rechnungsformulars gedruckt werden. Damit der Rückseitendruck nicht störend auf die Vorderseite durchscheint, muss ein helles Grau oder ein anderer heller Farbton benutzt werden. Je nachdem, wo und in welcher Auflage diese Drucksache produziert wird, kann die zusätzliche oder anstelle von Skalenfarben verwendete Sonderfarbe zu erheblichen Mehrkosten führen. Oder dazu, dass die Produktion nicht kostengünstig auf einer Sammelform ausgeführt werden kann.

Bildschirmdarstellung eines RGB- bzw. Lab-Grautons
Gerasterte Darstellung eines vierfarbigen Grautons

Eigenheiten der Ausgabeverfahren

Eine andere mögliche Problemquelle ist der Farbton selbst. Wer am Bildschirm mit RGB- oder Lab-Farben gestaltet, sollte bedenken, dass die Umsetzung mit Skalenfarben bei der Rasterung blass und/oder verschmutzt wirken kann. Dies vor allem dann, wenn keine der Skalenfarben (fast) 100% Deckung erreicht und wenn durch den Separationsaufbau Schwarz beigemischt wird. In solchen Fällen wäre abzuwägen, ob die Genauigkeit des Farbtons Priorität hat oder eine möglichst reine, gesättigte Wiedergabe im Druck. Im letzteren Fall wäre es wohl nicht verkehrt, bei der Wahl der Farbe von drucktechnisch optimalen CMYK-Werten für die bevorzugte Druckbedingung auszugehen (z. B. für gestrichenes oder ungestrichenes Papier im Bogenoffset). Daraus lässt sich dann im zweiten Schritt eine passende medienneutrale Definition in RGB oder Lab ableiten. Doch aufgepasst, wenn die medienneutrale Farbe später wieder nach CMYK gewandelt oder für eine abweichende Druckbedingung umgesetzt wird. Dann kann abhängig vom Rendering Intent oder vom Separationsaufbau eine Verschmutzung gegenüber den ursprünglichen CMYK-Werten auftreten. Am elegantesten lässt sich die Umsetzung solcher Hausfarben über Device-Link-Profile steuern; dies erfordert allerdings Fachwissen und geeignete Software. Wohlgemerkt ist das Jammern auf hohem Niveau. Für Normalanwender dürften die Vorteile der einheitlichen Wiedergabe medienneutral definierter Farben deutlich überwiegen. Dank fortschrittlicher Technik wie Fein- oder FM-Raster und hoher Passergenauigkeit im Druck springen ein paar Prozent Schmutzfarbe nicht unbedingt ins Auge. Und Puristen können wiederum auf Schmuckfarben zurückgreifen. Wenn sich die Vision von freieFarbe durchsetzt, lassen sich in Zukunft in sRGB oder Lab definierte Farben vielleicht einfach individuell anmischen, um eine genaue farbmetrische Übereinstimmung zu erzielen. Mit den heute verfügbaren, beschränkten Schmuckfarbpaletten muss unter Umständen eine gewisse Abweichung in Kauf genommen werden.

 
Eric A. Soder, Techniker HF Polygrafie, Uster (Schweiz), 4/2017 – polygrafix.ch